Frühneuzeitliche Ärztebriefe des deutschsprachigen Raums (1500-1700)

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Ärztebriefe
Besitzende Institution Det Kongelige Bibliotek <Kopenhagen>
SignaturGKS 3078 4°, Nr. LVI
EditionshinweisA. Andersen (Hg.): Quattuor centuriae epistolarum. Provst Johannes Pistorius' brevsamling 1541-1605 (1614), o.O. [Åbenrå] 1971 (masch.), 63 f., Nr. 60 (Edition, dän. Regest)
LiteraturUlrich Schlegelmilch: Surgical Disputations in Basel at around 1600, in: Meelis Friedenthal (u.a., Hgg.): Early Modern Disputations and Dissertations in an Interdisciplinary and European Context, Leiden 2021, 255-287, hier 257 f. (zu Schett)
Genre Brief allgemein
KorrespondenzArzt an Gelehrter
Person VONKohlreuter, Sigismund <1534-1599> [Verfasser/in] [gesichert]
Person ANPistorius, Johannes <aus Husum, 1528-1605> [Adressat/in] [gesichert]
Entstehungszeit27.03.1555
AbsenderortLipsiae (Leipzig) [gesichert]
ZielortWittenberg [ermittelt]
Sprache Latein
LandDeutschland
Inhaltsangabe K. habe, als die Sonne im 16. Grad des Widders stand, einen erfreulichen Brief P.s empfangen, aus dem er dessen blühende Gesundheit vernommen habe – darüber freue er sich sehr. An demselben Tag habe er dem Empf. sogleich geschrieben und ihm diesen Brief zusammen mit Bomberda [unklar] schicken wollen, doch die große Mühe sei vergeblich gewesen, und er werde erst jetzt antworten. Wenn dies nicht ordentlich genug geschehe, möge es der Empf. seiner Zeitnot und widrigen Umstände zuschreiben.

Die Neuigkeiten, die P.s Brief beinhalte, habe K. wiederholt und mit Freude gelesen. Dabei habe ihm besonders die Geschichte über Pomeranus [wohl = Johannes Bugenhagen] und den kalten Braten (kalthgebratens) gefallen. Was aber den adeligen Fridericus von Kanitz [nicht identifiziert] betreffe, wisse K. nicht, was er antworten solle. Von dem Vorfall habe er nämlich niemals gehört oder gewusst und sei in solchen Dingen unerfahren. Daher überlasse K. die Entscheidung in diesen Angelegenheiten den Fachkundigeren und Studenten der juristischen Fakultät. Er habe in Erfahrung gebracht, dass [Joachim] Camerarius dort gewesen sei, doch dass sich jene [unklar: acta utraque portatores] bei ihm befunden hätten, habe er nicht gewusst. [Die folgenden Nachrichten, wohl aus der Universität Leipzig, im Einzelnen unklar:] Aus dem Brief des Empf. ersehe K., dass jene ein Essen gegeben und die anderen festlich bewirtet hätten. Schlim, eigentlich Schlem [= ein „Schlemmer“?] suche seinesgleichen. K. sei der Meinung, dass es so auch mit ihrem Barbatus [nicht identifiziert] geschehe, und zwar nicht zu Unrecht. Dessen Herr werde nämlich jenes Essen teuer genug bezahlen.

K. gefalle der Prozeß mit Hamstedius von Braunschweig [nicht identifiziert] und er habe keinerlei Zweifel daran, dass dieser selbst oder ein anderer der Beschützer seiner Habe sein werde.

[Caspar] Peucer halte [in Wittenberg], wie P. geschrieben habe, eine Vorlesung zu Dioskorides. Seine Darstellung sei zweifelsohne einzigartig, kenntnisreich und bemerkenswert, so wie es seiner Bildung entspreche, und K. denke, dass der Empf. Peucers Zuhörer sei. Dementsprechend werde K. später P.s Aufzeichnungen nutzen können. So viel zu P.s. Brief.

Über folgende Neuigkeiten könne K. ihn nun in Kenntnis setzen: Herzog Heinrich [II.] von Braunschweig sei am 24. März zwischen der elften und zwölften Stunde zusammen mit seinem Sohn nach Leipzig gekommen, und sein Gefolge habe aus ungefähr 80 Reitern bestanden. Aus welchem Grunde er dorthin gekommen sei, wisse man nicht.

Die Professoren in der medizinischen Fakultät der Leipziger Universität fänden in hohem Maße K.s Beifall. Herr Dr. Meurer (Murerus) interpretiere die herausragenden Bücher Galens über das Erkennen erkrankter Körperteile (De locis affectis) und K. höre ihn, sooft er Vorlesung halte. Dr. N. doziere über Galens Bücher von den natürlichen Fähigkeiten (De naturalibus facultatibus). Dr. Rodth könne angesichts seines schlechten Gesundheitszustandes nicht lehren – dieser sei eigentlich mit der Vorlesung über Galens Bücher von der Heilkunst an Glaukon (De arte curandi ad Glauconem) betraut. Dr. Schet, der Sohn eines Chirurgen und ein Weinliebhaber (? qui valde amat serias), behandle die Chirurgia [Giovanni da] Vigos.

[In Leipzig] werde derzeit Antonius Nigers Buch De conservanda bzw. tuenda bona valetudine gedruckt und in Kürze veröffentlicht. Ebenso sei ein Erlass des Kurfürsten August gedruckt und veröffentlicht worden, wonach es einem jeden seiner Untertanen untersagt sei, sich vor dem Ende der Zusammenkunft von Torgau einem anderen Herrn zum Kriegsdienst zu verpflichten. Der Kurfürst habe an 1164 Adelige jeweils ein Exemplar des Erlasses geschickt, ebenso an 60 Schösser oder Amtleute, 84 Städte, zwölf Grafen, vier Freiherren, vier adlige Witwen und schließlich, sofern K. sich nicht täusche, an acht Bischöfe.

Martin Luther der Jüngere sei einige Tage lang in Leipzig herumspaziert, in Begleitung eines Studenten aus Wittenberg, der K. unbekannt sei. Mittlerweile liege Martin jedoch im Hause seines Gastfreunds Schirmer [nicht identifiziert] recht krank danieder, verletzt von einem Leipziger Studenten.

K. bitte den Empf. inständig, dass er ihm, sofern von den Ärzten der medizinischen Fakultät [in Wittenberg] neue Bücher veröffentlicht worden seien, diese kaufe und nach Leipzig sende. K. werde dem Empf. die finanziellen Aufwendungen zuverlässig und dankbar zurückerstatten. P. solle von jeder Ausgabe drei Exemplare schicken: Gleich nach seiner Ankunft in Leipzig habe K. seinen alten Freund M. Mauritius N. getroffen, der Medizin studiere und ein Freund wahrer Bildung sei. Mit diesem habe er sich auch am vergangenen Sonntag aufgemacht, um Pflanzen zu sammeln, und sie hätten unverächtliche Simplicia gefunden. Dieser wünsche sich jeweils ein Exemplar der Bücher.

Der Empf. solle ebenso wissen, dass K. derzeit von einem schlimmen Unglücksfall schwer belastet werde, sodass er in zwei Tagen von hier weggehen müsse und es unsicher sei, ob er vor Ostern zurückkehren werde. Nichtsdestoweniger möge der Empf., wenn er Bücher schicke, dafür Sorge tragen, dass diese in ein Haus in der Straße gebracht würden, wo P.s Kutscher gewöhnlich seine Herberge habe. Der dort ansässige Bürger sei Paulus Hase [nicht identifiziert]. Bei ihm habe K. nun Wohnung, und zwar so lange, bis er wisse, ob er noch länger in Leipzig bleiben müsse. Es könne nämlich sein, dass er gezwungen sei, zur Reiterei zu gehen oder Hofmann zu werden. Viele Hindernisse ständen seinen Plänen derzeit im Wege.

Was aber den Barbatus betreffe: K. bleibe bei seiner Ansicht, dass dieser, sofern er nicht widerrufe, nicht in Sicherheit leben dürfe, und wäre er auch ein Nürnberger Bürger oder ein Wittenberger Patrizier. Was nützten nämlich die übrigen Fähigkeiten, nachdem der gute Ruf verloren sei? Für K. jedenfalls wäre es das Allerschlimmste, seine Reputation zu verlieren. Diese habe er bis hierher gewahrt und werde dies auch in Zukunft tun – gegen all die Schwätzer und Leute, die nur herumposaunten (Tritones), unter die der faule Barbatus wahrlich gerechnet werden könne. Dieser bemühe sich um gar nichts und könne ohne Raufereien und Streitigkeiten nicht existieren, wie kein Mensch leben könne, ohne zu atmen. Wenn Barbatus damals den Vorstellungen K.s entsprechend widerrufen hätte, hätte er ihm jegliche Schuld vergeben, doch bis heute lasse er nicht davon ab, K. zu schmähen. In Leipzig erzähle man sich bereits, K. habe deswegen zwangsweise Wittenberg verlassen müssen, weil Barbatus glaubhaft gemacht habe, dass er ein Alkoholiker sei. K. betone abermals: Wenn Barbatus nicht öffentlich widerrufe, was er gegen ihn gesagt habe, werde dieser spüren, mit wem er es zu tun habe.

Der Empf. solle in K.s Namen Erik [Hardenberg], den Schönbergern [Lorenz und Valentin], Conrad [nicht identifiziert] und den übrigen Freunden Grüße ausrichten.

(Christian Hauck)
Person ÜBERBugenhagen, Johannes <1485-1558> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
Camerarius, Joachim <I., 1500-1574> [Erwähnte Person] [gesichert]
Peucer, Caspar <I., 1525-1602> [Erwähnte Person] [gesichert]
Heinrich <Braunschweig-Wolfenbüttel, Herzog, II., 1489-1568> [Erwähnte Person] [gesichert]
Julius <Braunschweig-Wolfenbüttel, Herzog, 1528-1589> [Erwähnte Person] [ermittelt]
Vigo, Giovanni da <c. 1450-1525> [Erwähnte Person] [gesichert]
Meurer, Wolfgang <1513-1585> [Erwähnte Person] [gesichert]
Roth, Sebastian <c. 1492-1555> [Erwähnte Person] [gesichert]
Schett, Gregor <gest. 1558> [Erwähnte Person] [gesichert]
August <Sachsen, Kurfürst, 1526-1586> [Erwähnte Person] [gesichert]
Luther, Martin <d.J., 1531-1565> [Erwähnte Person] [gesichert]
Schönberg, Valentin von <gest. c. 1565> [Erwähnte Person] [gesichert]
Schönberg, Lorenz von <1532-1588> [Erwähnte Person] [gesichert]
Niger, Antonius <c. 1500-1555> [Werktitel Person]
WerktitelConsilium de tuenda valetudine, anno 1555 ab ipso autore recognitum & auctum
SchlagwortMedizinstudium
Universität <Leipzig>
Unterricht <Wundarznei>
Politik
Torgau
Exkursion <Botanik>
Fürstendienst
Verleumdung
Staatsverwaltung
Militär
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