Frühneuzeitliche Ärztebriefe des deutschsprachigen Raums (1500-1700)

Vollanzeige Ärztebriefe

Gesucht wurde mit: Registereinträgen. Treffer: 1

Ärztebriefe
Besitzende Institution Biblioteka Jagiellońska <Krakau> / Oddział Rękopisów / Berlinka
SignaturAutografy (K. 29), Camerarius II
EditionshinweisJohann Georg Schelhorn: De vita, fatis ac meritis Philippi Camerarii I[uris]c[onsul]ti, historici ac philologi pereximii et primi Academiae Altorfinae procancellarii, commentarius, Nürnberg: Seitz & Zell, 1740, 174 (kurzer Auszug betr. das Testament des älteren Camerarius; datiert "21.6.1565")
LiteraturHelga Döhn: Die Sammlung Autographa der ehemaligen Preussischen Staatsbibliothek zu Berlin : Autographenkatalog auf CD-ROM, Wiesbaden 2005 (Katalogisat)
Genre Privatbriefe
KorrespondenzArzt an Verwandter
Person VONCamerarius, Joachim <II., 1534-1598> [Verfasser/in] [gesichert]
Person ANCamerarius, Philipp <I., 1537-1624> [Adressat/in] [gesichert]
Umfang, Beilagen4 S.
Entstehungszeit21.06.1567 [o.J.; Jahr aus Eingangsvermerk vom 28.6.1567 ermittelt]
AbsenderortNorimb[ergae] (Nürnberg) [gesichert]
Sprache Latein
LandDeutschland
AusreifungsgradOriginal
Inhaltsangabe Camerarius antwortet auf zwei Briefe Philipps [verloren] und hat Georg Sturm zugleich gebeten, dem Bruder das angewiesene Geld auszuzahlen. Ihre Eltern haben sich nunmehr auf die Reise gemacht und sind am 11. Juni nach Bamberg aufgebrochen, wo sie auf die Pferde für die Rückreise warten und wohl heute oder morgen [nach Leipzig] aufbrechen. Er selbst war mehr als eine Woche lang dort und hatte vor allem mit einigen sehr unerfreulichen Behandlungen zu tun, tags und nachts bis zur völligen Erschöpfung. In Nürnberg sieht es nicht viel besser aus; die Frau Gelnauers und andere schwer Erkrankte haben ihn zurückrufen lassen. Es gab noch andere Gründe, die er schon angedeutet hat, und jetzt will er, da es mit Gottes Willen so gekommen ist, alles darlegen: Philipp weiß, wie schlecht es um C.s private Situation (res familiaris) steht und wie schlecht sein armes Söhnchen [Joachim] behandelt wird. Die Diener streiten miteinander, sogar in Gegenwart von C.s Eltern. Er hat nun, gedrängt von Freunden und Eltern, begonnen, über eine Wiederverheiratung nachzudenken. Besonders auf Anraten Christoph Jugels haben sie am Tag vor der Abreise der Eltern nach Bamberg [= am 10. Juni] eine Übereinkunft erzielt, wonach ihm die Jungfer Maria Rümelin von ihrer Mutter und deren Bruder Jodocus Dvtzelius [= Tetzel] zur Ehe versprochen wurde (wobei Jugel als ihr Vormund zuriet). Die Familie war früher bedeutend, heute weniger, da nur noch ein Bruder lebt. C. lobt Marias Vorzüge: Anstand und Maß, besonders aber Kinderliebe, guter Charakter und angenehmes Äußeres (mediocris forma). Sie wird 800 bis 1000 Gulden Mitgift mitbringen, dazu ist noch eine Summe von der Mutter zu erwarten, um die man sich aber [gesundheitlich] keine Sorgen machen muß. Die Gläubiger (δανειστικοί) mißbilligen die Entscheidung, da sie wenig zu erhoffen haben. Hätte Gott ihn reich sein lassen wollen, hätte er ihm vielleicht seine erste Frau [länger] erhalten. Aber C. wünscht sich nur ein ruhiges und ehrbares Leben, genügend Nahrung, Kleidung und Erfolg in seinem Beruf. Wenn nur Philipp und Sebald [Hauenreuter] an der Hochzeit teilnehmen könnten! Er rechnet mit einem Termin gegen Ende August.

Gestern ist ein Brief von den Eltern aus Bamberg eingetroffen, die die Abreise [nach Leipzig] für den 23. Juni geplant haben. Mit ihnen wird Bosius [viell. der Wittenberger Jurist Joh. Poso] reisen, der mit seiner Frau hier war. Daß sie hinsichtlich Ludwigs Rückkehr falsch lagen, ärgert C. sehr, ebenso wie er ihm das seltene Schreiben übelnimmt. Überhaupt ist Ludwig nachlässig. Er hätte [Philipps] Brief an C. und den Vater einige Zeilen hinzufügen können! C. hat Ludwig zuletzt sehr deutlich geschrieben, besonders die Mutter wünsche seine Rückkehr und auch dem Vater wäre dies nicht unrecht. Überdies hat er ihn wissen lassen, daß er hofft, Ludwig habe seine Zeit wenigstens mit Gewinn fürs Studium verwendet, anderenfalls sei es eine Schande, doch hat er auch die Meinung des Vaters nicht unterschlagen, daß es Ludwig frei stehe, zurückzukehren oder aber noch ein weiteres Jahr in Frankreich zu verbringen. Dabei hat er ihm wiederum nicht verschwiegen, daß [die Universität in] Montpellier inzwischen im Niedergang ist. Was Ludwig derzeit bewegt, ist C. nicht klar. Er fürchtet, daß Ludwig sich seiner geringen Fortschritte bewußt ist, wünscht sich aber darin zu irren.

Nun zu Philipps 2. Brief, der ihn in Bamberg erreicht hat: Bekümmerte Reaktionen der Eltern auf die Neuigkeiten von Ludwig. Wenn der Vater Ruhe hält, plagt ihn das Nierenleiden nicht sehr stark, doch schon leichte Bewegung führt zu Dysurie und blutigem Harn. Er hat deshalb beschlossen, in Zukunft nicht mehr zu reisen, und er hat C. seinen Letzten Willen gezeigt, den auch Philipp gelesen hat. C. mußte bei der Lektüre häufig weinen, da so viel Liebe aus dem Dokument spricht. Er glaubt nicht, daß es [anderswo] ein vergleichbares Dokument gibt; der Vater wollte es ihm in Nürnberg lassen. C. hat ihn aber aus bestimmten Gründen überredet, es bei sich [in Leipzig] aufzubewahren und ihm eine Abschrift zu schicken.

Ihr Bruder Johannes wird sicher selbst von seinen Angelegenheiten schreiben. Er hat die Eltern um eine finanzielle Unterstützung für seine geplante Heirat gebeten. So muß C. also von überallher Geld zusammenbringen. Für die Auslagen für die Eltern und die Brüder hat C. selbst von den Eltern 50 Gulden bekommen, wünschte sich aber, sie hätten sie selbst behalten. Dennoch hat er das Geld dankbar angenommen, da es gerne gegeben war.

Götzius wird jeden Tag dreister und lebt in einer Weise, daß es eine Schande für C. ist. Die Eltern schätzen ihn nicht, Bickelius [unsicher gelesen] klagt viel über ihn, und C. richtet mit Mahnungen und freundlichen Worten nichts aus. Also soll er sich nur um seinen Charakter und seinen Kopf bringen, wie man sagt; C. sieht ihn nicht mehr an wie einen Bruder. Nur um Götz' Eltern tut es ihm leid. Der Vater überlegt, ob er ihn zu einem Adligen geben und auf einen geraden Weg bringen lassen soll, damit er ihnen in Bamberg später noch einmal nützen kann. Auch bei Philipp wäre er wohl kaum besser aufgehoben als hier. Genug von lästigen Dingen!

Oleum viperinum und andere Stoffe bereitet C. gerade vor, um sie Hauenreuter zu schicken. Dabei will er auch dessen Schwester ein Geschenk machen. [Wohl: Georg] Sturm hat die Aufgabe übernommen, Philipp den [Familien-]Stammbaum zu schicken. Auch das andere von Philipp gesuchte Schriftstück hat C. wiedergefunden: "hinder dem faulbett in superiori conclavi". Er weiß, daß Philipp auch mehr über die Bamberger Angelegenheiten erfahren möchte, doch würden diese einen ganzen "commentarius" erfordern, für den C. die Zeit fehlt. Er hofft, bezüglich der Jagdrechte (unsicher: in venationibus) nichts übersehen zu haben.

Ihr Renterus ist melancholisch und traut niemandem. Beinahe hätte C. vergessen zu schreiben, daß Georg Zolner, der ihnen wohlgesonnen war, an einer Apoplexia gestorben ist. Von Lorber [?] hat er wohl schon geschrieben, der seinen Kindern mehr als 40.000 Gulden hinterlassen haben soll. Neues über Schwendi; zwischen Türken und Kaiser soll der Frieden geschlossen sein.

(Ulrich Schlegelmilch)
BemerkungenFrüher: Berlin, Staatsbibliothek, Slg. Autographa; zuvor Autographensammlung Meusebach

nur noch ein Bruder: Nach einer Übersicht zur "family Joachim Camerer" unter https://geneagraphie.com/familychart.php?personID=I549648&tree=1&sitever=standard (Abruf: 19.5.2021) lebten hingegen 1567 noch zwei Brüder Marias, Wilhelm (1540-91) und Balthasar Rummel (1547-1620).

Georg Sturm: wohl der Nürnberger Kaufmann (vgl. z.B. Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde 57 [1936], 159)
URLSchelhorn, De vita, fatis ac meritis Philippi Camerarii commentarius (1740)
Person ÜBERCamerarius, Joachim <III., 1566-1642> [Erwähnte Person] [gesichert]
Camerarius, Joachim <I., 1500-1574> [Erwähnte Person] [gesichert]
Rummel, Maria <1544-1577> [Erwähnte Person] [gesichert]
Camerarius, Anna <gest. 1573> [Erwähnte Person] [gesichert]
Camerarius, Ludwig <I., 1542-1582> [Erwähnte Person] [gesichert]
Rummel, Catharina <1510-1598> [Erwähnte Person] [gesichert]
Tetzel, Jodok <fl. 1567> [Erwähnte Person] [gesichert]
Hauenreuter, Sebald <1508-1589> [Erwähnte Person] [gesichert]
Gugel, Christoph <1499-1577> [Erwähnte Person] [ermittelt]
Poso, Johannes <c. 1526-n. 1572> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
Schwendi, Lazarus von <1522-1583> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
URL dieses Datensatzeswww.aerztebriefe.de/id/00014915 (Bitte beim Zitieren angeben).
Die Inhalte der Datenbank sind durch eine Creative Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 3.0 DE) geschützt.