Frühneuzeitliche Ärztebriefe des deutschsprachigen Raums (1500-1700)

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Ärztebriefe
EditionshinweisJoachim Camerarius [II.] / Philipp Camerarius (Hgg.): Ioachimi Camerarii Bapenbergensis epistolarum familiarium libri VI, Frankfurt (Main): Wechels Erben, 1583 [VD16 C 413; ND Wien 2006], 332-338 (datiert: 1.1.1541)
LiteraturHermann Wendorf: Joachim Camerarius (1500-1574), in: Herbergen der Christenheit 1 (1957), 34-87, hier 42 f. (zur Situation der Universität Leipzig vor und um die Berufung C.s dorthin im Herbst 1541); Torsten Woitkowitz: Die Briefe von Joachim Camerarius d.Ä. an Christoph von Karlowitz bis zum Jahr 1553. Edition, Übersetzung und Kommentar, Leipzig / Stuttgart 2003, 96 f. (zur Rolle Pfeils in der Leipziger Universitätsreform). 104-106 Anm. 3 (zu Camerarius und der Universitätsreform)
Genre Brief allgemein
KorrespondenzGelehrter an Arzt
Person VONCamerarius, Joachim <I., 1500-1574> [Verfasser/in] [gesichert]
Person ANPfeil, Johannes <1496-1541> [Adressat/in] [gesichert]
Entstehungszeit01.01.1543 [Jahr ermittelt; s. Bemerkung]
AbsenderortLips[iae] (Leipzig) [gesichert]
Sprache Latein
LandDeutschland
AusreifungsgradDruck
Inhaltsangabe C. habe bisher noch nie an P. geschrieben, aber kürzlich dessen Brief an Borner zu lesen bekommen. Daher wolle er nun mit ihm über [Hoch]Schulangelegenheiten korrespondieren. Der Fürst habe eine große Sache vor. C. beobachte diese Vorgänge möglicherweise genauer als andere, und zwar nicht aus Besorgnis um seine eigenen Belange, sondern um das [Hoch]Schulwesen. Es sei zu befürchten, daß die Unterstützung des Fürsten nachlasse, falls trotz seiner zahlreichen Gnadenerweise die Studentenzahlen nicht in die Höhe gingen. C. hoffe indes, der Fürst werde mit dem Umstand zufrieden sein, daß seine Universität an den alten Ruhm anknüpfe, und sich nicht nur am Erfolg, sondern auch an dem unternommenen Versuch freuen, falls sich doch herausstelle, daß noch nicht alles vollkommen sei. C. finde eigentlich nichts, was an der ganzen Hochschule noch zu tadeln wäre: einiges sei an und für sich ausgezeichnet, anderes immerhin im Vergleich mit anderen. Was die Studentenzahlen betreffe, so gebe es Leute, die meinten, die Universität in ihrer jetzigen Form entspreche eben nicht den Erwartungen aller [potentiellen] Besucher. Hier müsse man sorgfältig acht geben, daß durch solche Äußerungen kein wirklicher Schaden entstehe. Die Zeiten stünden schließlich dem Studium der Wissenschaften und Künste insgesamt entgegen, denn schließlich sei das Wort mittlerweile zutreffend, daß der Krieg allenthalben die Welt verheere [nach Verg. Aen. 1,509]. Auch der Lohn (praemia) sei gemindert oder ganz geschwunden, so daß auf Studienfleiß nicht zu hoffen sei.

C. könne sich erinnern, daß zur Zeit seiner Kindheit [in Leipzig] über 1000 Studenten die Universität besuchten, obwohl gleichzeitig auch Wittenberg, Erfurt und Ingolstadt in Blüte standen und auch andere Hochschulen viel Zulauf hatten: Tübingen, Heidelberg, Freiburg und Frankfurt hätten sich ebenso nicht über mangelndes Interesse beklagen müssen. Damals seien alle von Wißbegier erfüllt gewesen und hätten keine Mühe und kein Geld gescheut. Dann sei ein plötzlicher Wandel eingetreten, über den er hier nicht weiter schreiben wolle, doch es habe ihn jedenfalls gegeben. Zuerst sei Stillstand, dann ein Rückschritt und gar ein Niedergang erfolgt. Erst spät und bei einer kleinen Anzahl von Männern sei eine Rückbesinnung eingetreten. Der erneute Aufstieg vollziehe sich langsam und zögerlich, bis in die Gegenwart. Man müsse daher weiter überlegen, was noch zu tun sei, um das Studium wieder auf eine sichere Grundlage zu stellen. Mit Prophylaxe sei es nicht getan. Das Gemeinwohl lasse sich nur durch die Zusammenarbeit von Lehrenden und Lernenden fördern. Es gebe durchaus gute Dozenten bei ihnen, doch müßten sie sich sehr anstrengen. C. würde auch einem Besseren weichen, doch sei er überzeugt, daß alle das Beste wollten.

Die Studenten teilten sich in drei Gruppen: Adlige oder Reiche, die darauf einen entsprechenden Lebensstil gründeten, solche mit wenig Geld, die durch Dienstleistungen [wohl als Präzeptoren o.ä.] belastet seien, und eine mittlere Gruppe, die sich mit eigenem oder elterlichem Geld den Studien widmen könnten. Die erste Gruppe komme nicht zum Studieren an die Universität, sondern weil diese ihnen infolge laxer Disziplin einen Freiraum zum Ausleben ihrer Bedürfnisse biete. [Allerdings] stehe [auch] fest, daß in dieser Stadt, die ja keineswegs kärglich lebe, den Studenten sehr strenge Zügel angelegt würden, was vielleicht einmal zu Unmut führen werde. Die zweite Gruppe sei aufgrund der Kosten fast gänzlich ausgeschlossen, die dritte zahlenmäßig sehr klein. Wenn aber die fürstliche Großzügigkeit so walten werde wie seinerzeit versprochen, so werde die Universität ein Anwachsen der beiden letzteren Gruppen verzeichnen können. Dies seien schließlich die Leute, die das Gemeinwohl förderten und geradezu seine Rettung seien.

Gleichwohl kehrten einige der Universität den Rücken und strebten der benachbarten [in Wittenberg] zu, obwohl es zwischen beiden gravierende Unterschiede gebe. Freilich sei dort sehr viel Geld hineingesteckt worden, doch liege die Stadt in unmittelbarer Nähe [d.h. wohl: so daß sich beide gegenseitig die Studenten abzuziehen drohten]. In Wittenberg herrschten nicht die bescheidenen Zustände einer Anfangsphase [wie in Leipzig], doch sie wollten weiter reformieren und aufbauen, wie es kleinen Anfängen gebühre. Man solle also Leipzig aus sich selbst und weder im Vergleich mit anderen noch aufgrund einzelner Fehler beurteilen. Um es in der Sprache ihrer Astrologie zu sagen: Die Sterne stünden nicht günstig, doch ihnen bleibe nichts übrig, als das Fatum mutig zu tragen. Auch die Magister und Druckereien bräuchten noch deutlichen Aufschwung.

Wenn sich C. seinerseits so offen äußere, so wundere er sich im gleichen Atemzug über diejenigen (durchaus klugen) Leute, denen es eigentlich gut anstünde, die Richtung des Handelns vorzugeben, anstatt sich nur auf das Ausscheren der anderen (exorbitationes) zu konzentrieren. Wie viele gute Leute wiederum in der richtigen Weise für die Sache arbeiteten, das wisse P. durchaus auch ohne C.s lange Reden. Nur die Langsamkeit, mit der sie Unterstützung fänden, sei seiner Ansicht nach schlecht. Die freimütige Linie des Fürsten sei durchaus bekannt, sowohl durch öffentliche Äußerungen der Räte als auch durch gedruckte Ausschreiben. Dadurch seien viele angelockt worden, hätten aber, als dann nichts geschehen sei, nach wenig mehr als einem Monat der Stadt wieder den Rücken kehren müssen. Wenn das so weitergehe, sei abzusehen, was die Folgen wären. Da der [richtige] Anfang die Hälfte des [gelingenden] Ganzen sei, hätte man es anders anfangen müssen und nicht Versprechungen machen dürfen, die zu langsam einträten, sonst entstünden von vornherein unheilbare Schäden.

C. schreibe all dies nicht aus persönlicher Sorge, doch da er überzeugt sei, von Gott an diesen Ort gestellt zu sein, werde er auch nicht schweigen, wenn es zu mahnen gelte. Er blicke nicht auf den Gewinn, sondern auf seine Pflicht. Natürlich wisse er, daß der Hof mit vielen anderen drängenden Fragen beschäftigt sei und nicht alles so schnell umsetzen könne, wie sie es sich wünschten. Sein Ziel sei nur, daß nicht die Falschen unter Anklage gerieten, falls bei ihnen etwas anders stehe oder später gelinge, als sich Außenstehende erhofften. Diese sollten vielmehr bedenken, daß ihnen ohne die gnädige Hilfe ihres Fürsten gar nichts umzusetzen möglich sei. C. habe P., den er als zuverlässigen Freund kenne, dies einmal zusammenfassend darstellen wollen, damit dieser ein Zeugnis über C.s Ansichten in den universitären Fragen in Händen habe. P. könne darüber gerne auch mit anderen sprechen, sofern er, klug wie er sei, dabei bedenke, daß sich C. ziemlich offen geäußert habe, und selbst nur das sage, was zum Besten des Landes gesagt werden sollte.

(Ulrich Schlegelmilch)
BemerkungenFür Hinweise zur richtigen Datierung des Schreibens danken wir Torsten Woitkowitz (Leipzig).
URLCamerarius, Epistolarum familiarium libri sex (1583)
 Opera Camerarii - Eine semantische Datenbank zu den gedruckten Werken von Joachim Camerarius d.Ä. (1500-1574)
Person ÜBERBorner, Caspar <c. 1492-1547> [Erwähnte Person] [gesichert]
Heinrich <Sachsen, Herzog, V., 1473-1541> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
Körperschaft ÜBERUniversität <Leipzig> [Erwähnte Körperschaft] [gesichert]
Universität <Wittenberg> [Erwähnte Körperschaft] [gesichert]
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