Frühneuzeitliche Ärztebriefe des deutschsprachigen Raums (1500-1700)

Vollanzeige Ärztebriefe

Gesucht wurde mit: Registereinträgen. Treffer: 1

Ärztebriefe
EditionshinweisDaniel Sennert: Operum in sex tomos divisorum tomus sextus, Lyon: Huguetan, 1676, 525 f. (Cent. I, 2)
Genre Brief allgemein
KorrespondenzArzt an Arzt
Person VONDöring, Michael <1582-1644> [Verfasser/in] [gesichert]
Person ANSennert, Daniel <1572-1637> [Adressat/in] [gesichert]
Entstehungszeit02.08.1619 [im Druck fälschlich: 1616]
AbsenderortBreslae (Breslau) [gesichert]
ZielortWittenberg
Sprache Latein
LandPolen
AusreifungsgradDruck
Inhaltsangabe D. bestätigt die Vermutung von S. bezüglich [Lucas] Pollio: Auch er halte dessen Kenntnisse für zweifelhaft, finde die unter seinem Namen veröffentlichte Schrift indes geistreich. Durch D.s eigene Ergänzungen werde das Werk weiter an Klarheit gewinnen. Pollio sei ein Mitbürger von ihm gewesen, und D. wolle die Erinnerung an ihn wach halten. Wenn die Schrift tatsächlich von Crato stammen sollte, müsse sie umso mehr neu gedruckt werden, und zwar gemeinsam mit den Schriften von Cunradinus [nicht ermittelt] und Tabernaemontanus zum gleichen Thema [s. Bemerkung]. (Jemand habe die Arbeit auch Tobias Fischer zugeschrieben, da einige seiner Heilmittel erwähnt würden, und Fischer zu dem Werk ein Glückwunschgedicht beigetragen habe.) D. hoffe auf das Erscheinen im nächsten Frühjahr. Wegen der "Hoplotheka iatrika" wolle D. keine leeren Versprechungen machen, da seine übrigen Werke noch nicht vollendet seien. Diese synoptischen Tafeln zur Ungarischen Krankheit stellten ein gutes Beispiel für die Hoplotheka dar.

Über das Aconitum pardalianche habe D. noch nichts in Erfahrung bringen können.

Inständig hoffe D. derweil auf eine Linderung seiner Gichtschmerzen; ihm scheine unmöglich, dass die Leber, welche ja in seinem Fall zu heiß sei, abgekühlt werden könne, ohne dass der an sich kältere Magen dadurch Schaden nehme. Beide Körperteile seien nämlich für die Materie im Körper bei Katarrh ursächlich, und dass Fernels Meinung (im sechsten Buch von "De part. morbis", c. 18) [unter einem ähnlichen Titel erst 1645 gedr.!] über die Pfade, auf denen sich die Krankheitsmaterie zu den Gliedern hinab bewege, zutreffe, habe D.s zweimalige Bettlägerigkeit bewiesen. Er leugne nicht, dass auch in den übrigen Eingeweiden rasch eine Dyskrasie entstanden sei und den Zustand noch verschlimmert habe. Was seine Nieren betreffe, so verspüre D. seit einigen Tagen einen drückenden Schmerz in der Nierengegend, im Bereich des Hüftknochens und um die Leisten sowie eine körperliche Mattigkeit, wie sie gewöhnlich bei Geschwüren auftrete. Aufgrund dieser Symptome befürchte D., eine weitere, verborgene Krankheit in sich zu tragen - vor allem, weil sein Urin gewöhnlich um die Zeit der Fieberanfälle herum dunkler gefärbt, der Magen weniger schmerzhaft und die Atmung freier seien.

Seine Frau leide an den gleichen Symptomen, sogar noch heftiger, und liege bereits seit drei Tagen darnieder. Dies scheine eine Folge von Skorbut zu sein. D. tendiere seither zu der Meinung, auch seine eigene Gicht könnte vom Skorbut ausgelöst worden sein. Dies finde man auch in der Schrift des Eugalenus zur skorbutischen Arthritis (im seinem Buch über den Skorbut, XXX) bestätigt. D. habe auch wahrgenommen, wie der Schmerz durch seinen Körper wanderte: Die Gicht habe abwechselnd den rechten und den linken Fuß, die rechte und die linke Hand sowie nacheinander auch verschiedene Finger befallen. Die schlechte Materie im rechten Fuß habe D. durch Medikamente und Aderlässe vertreiben können. Zusätzlich habe er eine leichte Schwäche in demjenigen Unterschenkel verspürt, bei dem der Fuß gerade betroffen war. S. möge darüber nachdenken und D. seine Schlussfolgerungen mitteilen.

D. sei wie S. der Meinung, dass bei der Behandlung der Arthritis - oder vielmehr bei der Vorbeugung - eine ausgewogene Ernährung mehr von Nutzen sei als die Verordnung von Arzneien. Dennoch leuchte ihm der Grund für den Verzicht auf Wein - angeblich sei ein Fehler im Magen der Grund - nicht recht ein. Sowohl Woysselius als auch Sandecius, die beide schon längst verstorben seien, hätten sich lange von Wein und anderen alkoholischen Getränken ferngehalten, dabei seien ihre Schmerzen mit der Zeit so schlimm geworden, dass sie auch das leichteste [alkoholische] Getränk nicht mehr anzurühren wagten. D. selbst trinke Rheinischen oder Österreichischen Wein. Die Ärzte aus Glogau ließen ihre Gichtpatienten für den Magen auch Wein aus Ungarn trinken, was D. aber für leichtsinnig halte. Er folge dem Rat des [Severinus] Eugalenus, der Wermuth (Absynthites) empfehle.

Ob es denn keine Medikamente gegen die Gicht gebe, die sowohl eine Dyskrasie in den Eingeweiden richtig stellten als auch die Bildung schädlicher Säfte verhinderten? Die "Flores" oder subtilste Stäubchen aus Gold, die aus der Mairose (ros Maialis) zubereitet würden, seien wohl ein solches Medikament. Weidner habe seine Gichtschmerzen jedenfalls damit geheilt (siehe Barthius im "Tyrocinium chymicum Beguini", auf p. 333 der Frankfurter Ausgabe). Aurum potabile halte D. für vortrefflich, soweit es erhältlich sei. Die Anleitung zum Ausziehen der Goldtinktur, die S. geschickt habe, finde D.s Billigung, wobei er freilich bezweifle, dass sie von [Francis] Anthony stamme, der nämlich zwischen dem Aurum potabile und Goldtinktur unterscheide: "Aurum potabile" nenne er es, wenn fast das ganze Gold in Flüssigkeit aufgelöst werde, "Goldtinktur" sei dasjenige, was über einen Monat daraus ausgezogen werde.

S. habe wohl recht, dass man sich bei der Heilung weniger auf die "Topica" als vielmehr auf die ausschickenden Teile konzentrieren müsse. Würden die Schmerzen nämlich nicht gestillt, reizten sie zu "Defluxionen" und führten zu Schlaflosigkeit sowie weiterem Kräfteverlust. Daher müsse man sich darum bemühen, geeignete Behandlungen zu finden, die dem bereits angegriffenen Körperteil keinen weiteren Schaden zufügten. Besonders die "Spagyriker" [Chemiater] schrieben über solche Wässerchen, wobei jeder das jeweils eigene für das allerbeste von allen hinstelle. Doch trauen könne man dabei niemandem.

Zwei Mittel, die, äußerlich angewandt, einen schweißtreibenden Effekt hätten, habe D. bei Barthius in dem von ihm edierten "Tyrocinium chymicum" gefunden. Das eine, das Schmerzen wirksam beseitige, finde man auf S. 85; D. wolle S.s Meinung dazu erfahren. Von den Medikamenten Renealmis habe D. kein weiteres ausprobiert. Was S. von Vitrolsalz als Brechmittel halte, das [Angelus] Sala als "Manna der Brechmittel" bezeichnet habe? Mundererus und Gluckradius hätten vielmehr davor gewarnt, da es stark zusammenziehend und verengend wirke und die Lungen schädige. Sala widerspreche dieser Meinung in seinem "Ternarius bezoardicorum", fol. 130, und in seiner "[H]emetologia", p. 215 und 259ff. Tentzelius beschreibe eine "luna quaedam hydrogaga", die bei der Wassersucht das eingelagerte Wasser austreiben solle. D. rate jedoch, sich vor Medikamenten zu hüten, die noch nicht genügend ausgereift seien und mit großer Gefahr für die Patienten verbunden seien.

Der zweiten Auflage der "Institutiones" von S. habe D. aus Zeitgründen nichts hinzuzufügen: Er halte es jedoch für ratsam, den pharmazeutischen Teil mit einigen noch unveröffentlichten chymischen Zubereitungen weiter auszuschmücken.

[Anhang:] "Observationes Michael. Doring. Ad Epist. 2": Damit auch die Leser, die das "Tyrocinium chymicum" des Beguinus mit den Anmerkungen des Herausgebers Barthius nicht zur Hand hätten, das schweißtreibende Mittel verwenden könnten, füge Döring das Rezept unten im Anhang hinzu. Dasselbe hätte er auch mit dem Goldpräparat des Johannes Weidner, der Wasser austreibenden "luna hydrogaga" des Andreas Tentzelius und dem Vitriolsalz des Angelus Sala getan, wüsste er nicht, dass [S. wie] jeder diese Autoren schon zur Hand habe.

[Es folgt das Rezept für ein schweißtreibendes Mittel aus dem "Tyrocinium chymicum" des Beguinus, ed. Barthius, S. 85:] Das Mittel sei äußerlich anzuwenden und behebe auf wundersame Weise Schmerzen der Nerven, vor allem, wenn sie durch Kälte verursacht seien. Der betroffene Körperteil werde davon in angenehmer Weise erwärmt. Vor der Wärmebehandlung sei der betroffene Körperteil zu befeuchten, vor allem beim Zubettgehen. Schon nach einmaliger Anwendung ließen die Schmerzen nach. Dieses Wasser sei wunderbar bei venerischen Schmerzen. Um den Schweiß auszutreiben, solle man mit dem Wasser die [Gegend um die] Wirbelsäule befeuchten oder auch, bei schwächeren Schmerzen, das Handgelenk. Großer Schweißfluss werde daraus folgen. Das Medikament heile auch Ischiasbeschwerden und andere Schmerzen.

[Zitat aus einem Brief Johannes Cratos an Conrad Gesner:] Über das Aconitum pardalianche sei folgendes zu sagen: Crato habe das Aconitum Matthioli in Breslau gesehen; die Wurzel glänze, wenn man sie der Erde entnehme wie Alabaster, und der Blütenstand ähnele dem des Skorpionkrauts. Man sammele die Pflanze am Beginn des Frühlings, dann bilde sie einen Blütenstand aus purpurnen Blüten. Ende April sterbe die Pflanze ab: Die Wurzel könne danach nicht mehr gefunden werden. Über die Blätter habe Crato noch nichts Sicheres in Erfahrung bringen können. Abergläubische Menschen grüben sie vor dem Tag des Heiligen Georg aus und benutzen Destillate daraus mit großem Erfolg gegen Epilepsie, wie Crato von durchaus vertrauenswürdigen Menschen gehört habe. Sicherlich helfe das Pulver mehr als das von Carrichterus aus Edelsteinen und Kristallen - soweit Crato in seinem handschriftlichen Brief an Gesner. Das Aconitum pardalianche werde für das stärkste aller Gifte gehalten, daher werde seine Wurzel, richtig zubereitet, auch die Wirkung des Mercurius übertreffen.

(Stefanie Weidmann)
BemerkungenEin Werk von Jacobus Theodorus Tabernaemontanus über die Ungarische Krankheit ist unbekannt.

Bei dem erwähnten Dr. Woysselius könnte es sich auch um den 1607 verstorbenen älteren Sigismund W. handeln.
URLDaniel Sennert: Operum tomus sextus, Editio novissima, Lyon: Huguetan, 1676
Person ÜBERCrato von Krafftheim, Johannes <1519-1585> [Erwähnte Person] [gesichert]
Fischer, Tobias <1559-1616> [Erwähnte Person] [ermittelt]
Anthony, Francis <1550-1623> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
Glückradt, Christoph <1590-1620> [Erwähnte Person] [gesichert]
Tentzel, Andreas <fl. 1605-1665> [Erwähnte Person] [gesichert]
Weidner, Johann <d.Ä., 1548-1612> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
Mattioli, Pietro Andrea <1500-1577> [Erwähnte Person] [gesichert]
Geßner, Konrad <1516-1565> [Erwähnte Person] [gesichert]
Carrichter, Bartholomaeus <c. 1510-1567> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
Tabernaemontanus, Jacobus Theodorus <c. 1522-1590> [Erwähnte Person] [ermittelt]
Sandecius, Johannes <gest. 1567> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
Reneaulme, Paul de <1550-1624> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
Woyssel, Sigismund <II., 1579-1622> [Erwähnte Person] [mutmaßlich]
Minderer, Raymund <gest. 1621> [Erwähnte Person] [gesichert]
Fernel, Jean <c. 1497-1558> [Werktitel Person]
Le Paulmier, Julien <1520-1588> [Werktitel Person]
Eugalenus, Severinus <1535-n. 1599> [Werktitel Person]
Stubendorff, Josephus <fl. 1585-1623> [Werktitel Person]
Sala, Angelus <1576-1637> [Werktitel Person]
Sennert, Daniel <1572-1637> [Werktitel Person]
Fischer, Tobias <1559-1616> [Werktitel Person]
Pollio, Lucas <II., gest. 1598> [Werktitel Person]
Béguin, Jean <1550-1620> [Werktitel Person]
Barth, Jeremias <fl. 1607> [Werktitel Person]
WerktitelDe Morbis Universalibus et Particularibus
De Scorbvto Morbo Liber
Ternarius bezoardicorum et +& hemetologia seu triumphus vomitoriorum Angeli Salae
Institutiones medicinae Institutionum medicinae libri V
Asclepiadeo Mystae D. Lvcae Pollioni Vratilavi. Sil.
Secreta Spagyrica Revelata, sive Tyrocinium Chymicum, ultimo recognitum
SchlagwortAconitum <Pflanze>
Gicht
Dyskrasie
Skorbut
Abstinenz
Aurum potabile
Vitriolsalz
Wassersucht
Ungarische Krankheit
Krankheitsmaterie
Alchemie / Chemiatrie
Geheimmittel
Botanik
Schmerz
URL dieses Datensatzeswww.aerztebriefe.de/id/00001839 (Bitte beim Zitieren angeben).
Die Inhalte der Datenbank sind durch eine Creative Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 3.0 DE) geschützt.