Frühneuzeitliche Ärztebriefe des deutschsprachigen Raums (1500-1700)

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Ärztebriefe
EditionshinweisPetrus Lotichius Secundus: Opera omnia quibus accessit vita eiusdem descripta per Ioannem Hagium, Leipzig: Steinmann, 1586, 494-498 (im Text der Lotichius-Vita); Petri Lotichii Secundi Solitariensis poemata omnia quotquot reperiri potuerunt, editis auctiora et longe emendatiora [...] omnia ex codice ms. a Joh. Petro Lotichio ad novam editionem adornato, et collata prima editione Parisina ac Voegeliana recensuit [...] Petrus Burmannus Secundus, Bd. 2, Amsterdam: Schouten, 1754, 107 f. (dgl.)
Genre Brief allgemein
KorrespondenzArzt an Arzt
Person VONClusius, Carolus <1526-1609> [Verfasser/in] [gesichert]
Person ANHagius, Johannes <1528-1587> [Adressat/in] [gesichert]
Entstehungszeito.D.
Absenderorto.O. [gesichert]
Sprache Latein
LandLand unsicher
AusreifungsgradDruck
Inhaltsangabe Der Fluss Gard(on) ströme, so Lotichius, mächtig aus den Cevennen herab und ergieße sich zwischen Avignon und Arles in die Rhône. Über diesem Fluss sei ein gewaltiges antikes Monument [= Pont du Gard] errichtet, das Lotichius erwähne. Es bestehe aus einer dreifachen Brücke, wobei nur eine davon gangbar sei. Das Bauwerk trage einen Aquädukt und verbinde die Gipfel zweier Berge. Unter dem Monument fließe der Gardon zwischen beiden Bergen dahin und bespüle ihre Ausläufer.

Die untere oder erste Brücke sei 200 Schritt lang und werde von sechs Bögen getragen. Diese Brücke sei sogar für Reiter und mit Waren beladene Lasttiere gangbar. Auf diese Brücke stützten sich auf der östlichen Seite elf sehr hohe, aber nur halb so breite Bögen (fornices dimidiatae), die eine zweite Brücke trügen, welche jedoch nicht gangbar sei. Über dieser zweiten Brücke seien zahlreiche andere, kleinere Bögen errichtet worden, von denen immer noch 35 vollständig erhalten seien und die einen hinlänglich breiten und hohen Aquädukt trügen, der aus großen viereckigen Steinblöcken errichtet worden sei. Diese seien miteinander durch stark bindenden Zement verbunden. Einst habe der Aquädukt die Gipfel beider Berge verbunden. Er sei von großen und flachen Steinen bedeckt, über die man einst, wenn auch nicht ohne Gefahr, von einem Gipfel zum anderen habe laufen können.

Drei Meilen davon entfernt liege die Stadt Uzès, wobei auch noch viele andere kleine Bauwerke in den Bergen errichtet worden seien. Über Uzès herrsche ein Bischof [= Jehan II de Saint-Gelais], und es entspringe dort eine liebliche Quelle. Diese Quelle hätten die Römer über drei große Meilen (tribus magnis milliaribus) hinweg in die unterhalb gelegene Stadt Nîmes zu ihrer Zierde und zu ihrem Nutzen ableiten wollen.

Nun sei dieser Aquädukt an der Nordseite beschädigt und sein Ansatz am Berghang abgebrochen worden, weil Schaf- und Ziegenhirten wiederholt allzu kühn über das Bauwerk gelaufen und heruntergefallen seien.

Wenn C. sich recht erinnere, sei er mit einigen Schülern des Lotichius, Erhard Stiebar, [Georg] Marius und [Georg] Vischer, aus Montpellier aufgebrochen, habe das Bauwerk bestiegen und sei auf der Decke des Aquädukts bis zum weggebrochenen Teil gegangen. Als aber ein heftiger Wind aufgekommen sei, seien sie gezwungen gewesen, geradewegs durch den Kanal, d.h. die Wasserrinne, zurückzugehen. Der Wind hätte sie nämlich in die Tiefe gestürzt, wenn sie auf den glatten Steinplatten der Abdeckung zurückgegangen wären, die keinerlei seitlichen Halt böten. Die Wasserrinne aber habe C. leicht durchschreiten können, indem er seinen Kopf seitlich neigte, die Hände an die Flanken des Körpers zog und die Ellbogen auf beiden Seiten vorstreckte.

Die antike Stadt Nîmes liege zwischen Avignon und Montpellier. Herkunftsort der Familie des Kaisers Antoninus Pius, sei sie Sitz von Proconsuln gewesen und weise noch immer zahlreiche Bauwerke aus dem Altertum auf. Das in ovaler Form errichtete Amphitheater habe angeblich 50.000 Menschen aufnehmen können. Das Prätorium habe sehr elegante Säulen und sei mit einem flachem Dach aus quadratischen Steinplatten bedeckt [= Maison Carrée]. Es sei, wie einige glaubten, von Kaiser Hadrian zur Ehre [seiner Gattin Pompeia] Plotina errichtet worden. Der Tempel der Diana sei immer noch fast vollständig erhalten und habe offensichtlich seinen antiken Namen in gewisser Weise beibehalten, denn er werde in der Volkssprache „Die Vestalen bei der Quelle“ genannt.

In der Nähe des Tempels sei das von Lotichius besungene weite Quellbecken. C. glaube, dass sein Durchmesser viele Klafter betrage. Aus ihm ergieße sich ein dünnes Rinnsal und bespüle einen Lorbeerhain. C. habe es allemal für angemessen gehalten, die Verslein des Lotichius über diese Quelle der Jungfräulichkeit oder der Diana dieser Beschreibung hinzuzufügen. Und außerdem dürfe man sie nicht einfach beiseitelassen, nicht nur wegen ihres außergewöhnlichen Liebreizes sondern vor allem auch wegen ihrer Schönheit:

„Eine heilige Quelle strömt mit fruchtbaren Wogen unerschöpflich hervor, eine Quelle wie im Tal Gargaphia [in Böotien]. Pappellaub und der Baum der Pallas [= Ölbaum] spenden Schatten, und die Erde ist immer grün von zartem Grase. Unter diesen Zweigen hat die von der Jagd erschöpfte delische Göttin geruht und an ihrer eigenen Quelle ihren Durst gelöscht. Hier pflegten die Nymphen ihre Schleier abzulegen und ihre zarten Körper mit Wasser zu benetzen. Hier hat die Flüssigkeit der Quelle die Kräfte der Liebe gebrochen. Diejenige, die davon getrunken hat, ist ewig jungfräulich geblieben. Oh wenn nur dieselbe Kraft meine alte Liebesglut löschen könnte, welcher Ruhm würde dann der heilbringenden Wasser harren!“

Niemals aber ströme die Quelle über, sondern sie habe einen Strudel, mit dem sie ihr Wasser wieder aufsauge. Von glaubwürdigen Leuten habe C. gehört, dass in der Quelle versenktes Vieh und hineingeworfene Balken zwei Meilen unterhalb von Nîmes im Fluss Gardon wiederaufgetaucht seien.

Über der Quelle rage ein Turm sehr hoch auf, Tour Magne genannt, er stamme auch aus sehr alter Zeit. Von diesem Turm aus könne man sehen, wie weitläufig einst diese Stadt gewesen war, da sich die Spuren und der Schutt der Mauern noch bis heute erhalten hätten. Einst sei dieser Teil Galliens von den Römern landwirtschaftlich intensiv genutzt worden. Man habe ihn nach der Stadt Narbo die [Gallia] Narbonensis genannt, und die Fruchtbarkeit seines Bodens sei mit Italien vergleichbar gewesen, wie Plinius selbst bezeuge [Plin. n. h. 3, 31]. In der Tat gebe es [dort] keine Städte, die nicht noch immer irgendein antikes Baudenkmal hätten, aber vor allem Narbonne und Nîmes.

(Manuel Huth)
BemerkungenZur Datierung: Georg Marius und Carolus Clusius studierten in den Jahren 1551-1554 in Montpellier. Für die Datierung des Berichts an Hagius, der wohl Teil eines längeren Briefes war, läßt sich daraus jedoch nichts Genaues ableiten.
URLLotichius Secundus, Opera omnia quibus accessit vita eiusdem descripta per Ioannem Hagium, Leipzig 1586
 Lotichius Secundus, Poemata omnia II ed. Burman (1754)
Person ÜBERLotichius Secundus, Petrus <1528-1560> [Erwähnte Person] [gesichert]
Stiebar, Erhard <fl. 16. Jh.> [Erwähnte Person] [gesichert]
Marius, Georg <1533-1606> [Erwähnte Person] [ermittelt]
Jean <Uzès, Bischof, verst. 1576> [Erwähnte Person] [ermittelt]
Fischer, Georg <fl. 1554-1575> [Erwähnte Person] [ermittelt]
SchlagwortPont du Gard
Nîmes
Dichtung
Uzès <Gard>
Antikenstudium
Wasserversorgung
Dichtung
Provence
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